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Aktuelles

Barmer Ersatzkasse verunsichert Patienten

Stellungnahme zum Bericht der SZ „Barmer kritisiert Zahl der OPs"
(Mittwoch 28.07.2010; Nr. 172, S. A 6)

Vor wenigen Tagen wurde der Krankenhausreport der Barmer veröffentlicht. Das 277 Seiten umfassende Werk befasst sich wissenschaftlich fundiert mit dem Schwerpunktthema „Trends in der Endoprothetik des Hüft- und Kniegelenkes".

Die Saarbrücker Zeitung berichtet unter der Schlagzeile „Barmer kritisiert die Zahl der OPs". Sie zitiert die Auffassung des Vize-Chefs der Barmer GEK, Rolf-Ulrich Schlenker, dass Ärzte heute häufiger entsprechende Eingriffe empfehlen und dass Kliniken sich vermehrt auf diese Operationen spezialisiert haben.

Diese pauschale Kritik kann nicht unwiedersprochen bleiben. Zunächst trifft es zu, dass die Gesamtkosten für endoprothetische Eingriffe zugenommen haben. Die Gesamtkrankenhauskosten für Knieprothesen in Deutschland sind von 1.178 Mio Euro in 2003 auf 1.292 Mio Euro in 2009 gestiegen (= + 9,7 %). Die Behandlungskosten je Fall sind im gleichen Zeitraum von 10.222 Euro auf 7.378 Euro zurückgegangen (= - 27,8%). [S. 145] Altersbereinigt ist die Anzahl der Knieprothesen-Erstoperationen zwischen 2003 und 2009 um 35 % bei Frauen und um 65 % bei Männern gestiegen. Bei den Hüftprothesen ergab sich dagegen nur eine leichte Zunahme. [S. 199]

So sehr die Sorge um steigende Ausgaben für medizinische Leistungen verständlich ist, so müssen doch medizinische Gesichtspunkte im Vordergrund der Entscheidungen stehen. Die Hüftendoprothetik ist ein seit langem ausgereiftes Behandlungsverfahren. Die Knieendoprothetik hat dagegen erst in den letzten Jahren weitere Fortschritte gezeigt und ist heute eine ebenso bewährte Behandlungsoption. Durch die medizinischen Erfolge der letzten Jahre ist sie heute verstärkt im Bewußtsein der Patienten. Zusätzlich ist die Mobilität und das Aktivitätsniveau älterer Menschen heute weitaus stärker als früher. Damit einher geht der erhöhte Anspruch an die Qualität und Leistungsfähigkeit medizinischer Maßnahmen.

Bemerkenswert ist das Ausmaß der Beschwerden, das die - zumeist auch ängstlichen ! - Patienten letztlich zur Operation bewegte. 90,9 % gaben 2004 an, vor der Operation des künstlichen Hüftgelenkes starke bis extrem starke Schmerzen gehabt zu haben (2009: 86,7 %). [.116] Beim Kniegelenk liegen die Werte mit 97,9 % (2004) bzw. 96,6 (2009) noch höher [S. 182].

Bei der Messung der Zufriedenheit gaben 81,1 % der Patienten (2009) an, die Operation einer Hüftprothese uneingeschränkt weiter zu empfehlen. Nur 3,4 % würden sie nicht weiter empfehlen. [S. 118] Den Einsatz einer Knieprothese würden 65,5 % uneingeschränkt und 21,8 % mit Einschränkungen weiter empfehlen (2009). [S. 186]

Wenn die Zahl der Operationen kritisiert wird, so stellt sich die Frage nach den medizinischen Alternativen. Man darf durchaus davon ausgehen, dass die niedergelassenen Ärzte verantwortungsvoll ihre Patienten behandeln und nach allen Regeln der Kunst zunächst die konservativen Behandlungsmöglichkeiten ausnutzen. Die Krankenhausärzte sind ihrerseits verpflichtet, jede Operation eines künstlichen Hüft- oder Kniegelenkes einschließlich der Indikationsstellung und eventueller Komplikationen sorgfältig zu dokumentieren. Die Daten werden bundesweit ausgewertet und auf Landesebene von einem Fachgremium überprüft. Die Ergebnisse werden einem übergeordneten Lenkungsausschuss vorgestellt, in dem die Krankenkassen paritätisch vertreten sind. Diese gesetzlichen Vorgaben der externen Qualitätssicherung zeigen sehr deutlich, dass eine willkürliche Ausweitung endoprothetischer Operationen nicht möglich ist.

Wenn in dem Artikel der SZ der Hannoveraner Gesundheitsforscher Friedrich-Wilhelm Schwartz dahingehend zitiert wird, dass viele Operationen bei konsequenter Prävention vermieden werden könnten, so ist dies im Prinzip sicher richtig. Präventive Massnahmen müssen allerdings schon Jahre vorher einsetzen und konsequent durchgehalten werden. Bei der Umsetzung der Prävention sind noch sehr viele Fragen offen. Unverändert werden auch nur 4 % der Gesundheitsausgaben für Prävention eingesetzt, ein viel zu geringer Beitrag. Gemeinsam müssten sich alle Verantwortlichen im Gesundheitswesen einschließlich Politik und Kostenträger wesentlich stärker im Bereich der Prävention engagieren. Das wäre hilfreicher als pauschal den Anstieg von Operationen zu kritisieren und Patienten zu verunsichern.

Dr. med. Josef Mischo
Präsident 

 

 



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